Leseprobe INDABA 2-3/94

Namibia: Ererbte Ungleichheiten beseitigen

Zed Ngavirue, Generaldirektor der National Planning Commission, spricht sich im INDABA-Interview gegen freie Produktionszonen und für eine verstärkte Zusammenarbeit mit Österreich aus.

Dr. Ngavirue, Namibia wird oft als eine politische Erfolgsstory bezeichnet. Gilt das auch für die Wirtschaft?

Sicherlich sind in Namibia die politischen Errungenschaften weiter vorangeschritten als die wirtschaftlichen. Nachdem wir die Unabhängigkeit erreicht hatten, dachten wir in erster Linie daran, in Namibia eine stabile Demokratie aufzubauen, eine neue Gesellschaft, basierend auf harmonischen Beziehungen zwischen den verschiedenen Gruppen, die die namibische Nation bilden. Wir sind imstande gewesen, Versöhnung zu einer Realität werden zu lassen. Wir waren uns aber auch ganz der Tatsache bewußt, daß es nicht das gleiche ist, einen politischen Erfolg herbeizuführen und wirtschaftlich erfolgreich zu sein.

Und aus heutiger Sicht, vier Jahre nach der Unabhängigkeit: Was sind Ihre wesentlichen Errungenschaften, welches sind die Hauptprobleme, die noch vor Ihnen liegen?

Wir erbten ein Land, das bereits hoch verschuldet war, praktisch ausschließlich bei Südafrika, zu diesem Zeitpunkt mit etwa 700 Mio Rand. Und obwohl Südafrika den Unabhängigkeitsprozeß schließlich wollte, haben sie uns keinerlei wirtschaftliche Unterstützung dabei gewährt. Vorher hatten sie Namibias Jahresbudget mit 500 Millionen Rand subventioniert, während der UNTAG-Einsätze wurde das reduziert auf 200 Millionen Rand. Vielleicht war das eine gezielte Maßnahme, um die internationale Gemeinschaft zur Übernahme von ökonomischer Verantwortung für Namibia zu bewegen. Aber von unserem Standtpunkt aus waren wir in der Situation, daß die Budgetsubvention von früher 500 Millionen Rand auf 200 Millionen reduziert wurde, und daß sie mit der Unabhängigkeit mit einem Schlag auf Null zurückging. Das war ganz automatisch ein Defizit.
Noch dazu erbten wir eine ganze Reihe von strukturellen Problemen. Wir erbten eine Gesellschaft, in der Ungleichheit vorherrschte: Ungleichheit zwischen Schwarz und Weiß in Bezug auf die sozio-ökonomischen Standards, eine Ungleichheit zwischen ländlichen und städtischen Gebieten - dies ist ja ein sehr übliches Gefälle in den meisten Ländern, besonders in den Entwicklungsländern, aber in unserem speziellen Fall hatten wir ja in der Vergangenheit noch die gezielte Homelandpolitik gehabt, und diese Gebiete waren von der Regierung völlig vernachlässigt worden. Alle die verschiedenen Studien, die zu jener Zeit gemacht wurden - beginnend mit der großen Studie des UNO-Institute for Namibia von 1986 über die UNO-Studien von 1989 und die zwanzigbändige Studie der Deutschen bis zu unserer eigenen, die wir im ersten Jahr der Unabhängigkeit für die Donors' Conference in New York erstellten - alle Studien also stimmten in Folgendem überein: Daß Namibia in Bezug auf die Infrastruktur-Entwicklung recht gut dran ist gemessen an Dritte-Welt-Standards, daß aber die Verteilung des Reichtums das Problem ist. Sie haben die Großgrundbesitzer auf der einen Seite, und sozio-ökonomische Indikatoren wie Bildung, Gesundheitswesen etc. konzentrieren sich in den Händen von fünf Prozent der Gesamtbevölkerung. Und der Großteil der Bevölkerung hat ein Pro-Kopf-Einkommen, das auf einen Bruchteil davon geschätzt wurde. Unsere Hauptaufgabe seit der Unabhängigkeit besteht also darin, diese ererbten Ungleichheiten zu beseitigen.

Meinen Sie, daß es bereits einen Fortschritt dabei gibt?

Ich glaube, wir haben zumindest einigen Fortschritt erzielt. So wurde etwa das Budget neu strukturiert, Prioritäten sind jetzt Landwirtschaft und ländliche Entwicklung in den benachteiligten Regionen, ebenso für Bildung, Gesundheitswesen und Wohnungsbau. Natürlich war es ohne Zweifel ein Tropfen auf den heißen Stein, aber es waren die ersten positiven Schritte in die richtige Richtung. 1989 und 1990 hatten wir zum Beispiel alle eine Zunahme des Zuzugs in die Städte erwartet, schon alleine in Anbetracht der Tausenden von Rückkehrern aus dem Exil. In Windhoek gab es zu dieser Zeit Tausende von Shacks, zum Teil können Sie diese Slums noch heute in Windhoek sehen. Aber bis zu einem gewissen Grad kann man auch schon gewisse Verbesserungen sehen: Die Menschen bauen sich kleine Häuschen, schrittweise entstehen dauerhaftere Strukturen. Einiges an Verbesserungen haben wir da erreicht.

Wir schätzen Sie dabei die Hilfe der internationalen Gemeinschaft ein?

An dieser Stelle kann ich bestätigen, daß die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft ein großer Lichtblick war. Sie, die Sie all die Jahre in einer Solidaritätsbewegung gearbeitet haben, werden ja die Kritik kennen, die gegenüber bestimmten Formen der Entwicklungshilfe immer wieder geäußert wurde. Ich habe aber das Gefühl, daß wir damals bei einem besseren Ausgangspunkt beginnen konnten: die Donors stimmten den Prinzipien zu, die in unserer Verfassung verankert sind und von denen wir uns bei Verhandlungen leiten ließen, etwa den Schutz der Umwelt oder die besondere Förderung leicht verletzbarer Gruppen wie Kinder, Jugendliche und Frauen. Ich muß aber eines sagen: Ich selbst, und ebenso die Regierung Namibias, waren äußerst optimistisch anläßlich der Geber-Konferenz im Jahr 1990, wir wollten die Nation nicht in eine neue Abhängigkeit führen. Hilfe sollte vor allem den notleidenden Sektoren zugute kommen, für eine begrenzte Zeitspanne, sodaß das Land lernen konnte, aus eigenen Mitteln zu überleben und nicht weiter auf Hilfe von außen angewiesen zu sein. Wir dachten damals an nur drei Jahre. Wir dachten damals jedoch nicht daran, daß unsere Unabhängigkeit mit der internationalen Rezession zusammenfiel, die unsere Ökonomie ebenso stark beeinträchtigte wie auch die Dürre im gesamten Südlichen Afrika. Und so mußten wir auch gegen diese Gegebenheiten ankämpfen, die in gewisser Weise in die entgegengesetzte Richtung arbeiteten. Zu einem eigentlichen Wirtschaftswachstum ist es deshalb noch nicht gekommen. Vier Jahre lang konnten wir unsere Köpfe gerade noch über Wasser halten - und nichts mehr.

Sie sind ja vertraut mit der Rössing-Mine. Könnten Sie uns diese Krise am Beispiel von Rössing illustrieren?

Die namibische Wirtschaft ist exportorientiert und stark vom Bergbau abhängig. Was im Falle Rössing passierte, war folgendes: die Verantwortlichen von Rössing kamen zur Regierung und sagten, wir verkaufen kein Uran mehr, obwohl die Sanktionen hierfür aufgehoben worden sind. Unsere Hauptkunden haben selbst beträchtliche Probleme, es werden keine neuen Reaktoren mehr gebaut, es gibt genug nukleare Energie. Unsere Hauptkunden waren Frankreich, Deutschland, Japan, weniger die USA, die haben nie von uns wirklich gekauft. Gleichzeitig kanen alle diese Veränderungen in der früheren Sowjetunion, die Uranlager wurden aufgelöst und verkauft, was zu einem Preisverfall auf dem Weltmarkt führte. Das Resultat war, daß Rössing die Produktion einschränken mußte in einem solchen Ausmaß, daß sie 1991 mehrere hundert Menschen kündigen mußten, ganz abgesehen von den Steuerausfällen des namibischen Staates.

Wie steht es um die Abhängigkeit Namibias von Südafrika - wurde sie verringert? Hat die Einführung der eigenen namibischen Währung die Abhängigkeit reduziert?

Ich denke, die Schritte, die wir nun gesetzt haben, waren sehr gut überlegt. Ein wichtiger Grund für die eigenständige Entwicklung war eine Zentralbank, die gegründet wurde mit der technischen und finanziellen Unterstützung der Weltbank und von Schweden. Eine Reihe anderer Schritte wurde unternommen, die in der Schaffung der neuen Währung gipfelten. Das war tatsächlich eine großartige Entwicklung. Aber gleichzeitig waren uns dessen bewußt, daß wir uns nicht völlig vom Rand lösen können, und deshalb die Bindung des namibischen Dollars an den Rand. Wie Sie wissen, hängt die Härte einer Währung sehr stark von der Handelsbilanz eines Landes ab. Namibia hatte immer eine sehr ausgeglichene Zahlungsbilanz, allerdings sind wir auch sehr stark exportabhängig, vor allem von Exporten nach Südafrika und nach Europa. Und die meisten importierten Waren kommen nach wie vor aus Südafrika, zum Beispiel 80 Prozent unserer Nahrungsmittel. Nur in der Maisproduktion konnten wir diese Abhängigkeit verringern, hier haben wir jetzt einen Selbstversorgungsgrad von 75 Prozent erreicht. Aber bei allen übrigen Nahrungsmitteln sind wir total von Südafrika abhängig.

Hat die Southern African Development Conference einen Beitrag zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit geleistet?

Seit wir der SADC beigetreten sind, haben wir versucht, die Warenflüsse umzudirigieren. Sie werden also heute durchaus zimbabwischen Käse und Butter in den Geschäften finden und umgekehrt in Harare namibische Makrelen. All diese Dinge haben bereits Spitznamen erhalten: Mugabe-Nujoma-Produkte. Der bilaterale Güterverkehr hat sich also offensichtlich verstärkt. Es gibt aber auch Veränderungen im Zusammenhang mit den ökonomischen Problemen in Zambia, ebenso auch mit der instabilen politischen Situation in Angola. Als die ersten Schritte in Richtung Friede in Angola unternommen wurden, gab es Wirtschaftsleute hier, die nach Angola sausten, um dort Wirtschaftskontakte zu errichten. Aber sehr viele von ihnen haben sich die Finger verbrannt. Und das alles zusätzlich zu den Problemen mit der Infrastruktur, die man einfach braucht, bevor ein bedeutender Warenaustausch stattfinden kann. Aber das Potential ist vorhanden, und manche warten nur darauf, auch diesen Markt auszufüllen. Ich sehe jedoch eine sehr klare Verbesserungen in unserer Verbindung mit Zimbabwe, und infolge unserer gemeinsamen Transportorganisation TransNamib beginnt auch Zambia, Namibia als Durchgangsland für seine Güter zu benutzen,

Und wie ist Ihre Haltung zu einem zu erwartenden Beitritt Südafrikas zur SADC?

Ich glaube, jeder wird die jetzige Entwicklung positiv beurteilen. Südafrika wird ein Wachstumsmotor sein in der Region, obwohl die Ungleichheit in der Gesellschaft in Südafrika sogar größer ist als jene in Namibia zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit. Und diese Ungleichheit wird sie über eine lange Zeit sehr beschäftigen. Aber in Bezug auf gerechte Handelsbeziehungen werden sie in der Region als ein willkommenes Mitglied aufgenommen werden. Manche Leute meinen freilich, Südafrika werde eher seine eigenen Interessen berücksichtigen und an den Kontinent insgesamt denken und weniger an die gewachsenen Beziehungen in der Region. In diesem Stadium der Entwicklung kann man wirklich nicht sagen, wohin sich alles entwickeln wird.

International gibt es viel an Kritik gegenüber Währungsfonds und Weltbank. Welche Erfahrungen hat Namibia mit ihnen?

Die Frage der Reformen dieser Institutionen ist auf der Tagesordnung der afrikanischen Staaten. Darüber gibt es überhaupt keinen Zweifel. Im Falle Namibias scheinen sie sich dem Land allerdings in einer ganz anderen Art genähert zu haben als bei anderen Ländern. Sie haben sich ohne Vorbehalte dem Land genähert. Wir wollten nicht die Fehler anderer wiederholen. So war es unsere Politik, nicht von ihnen abhängig zu werden und Kredite nur sehr sparsam aufzunehmen. Ich glaube, sie haben das nicht ganz verstanden. Zum Teil war das auch deshalb, weil sie sich weigerten, uns den Status eines am wenigsten entwickelten Landes anzubieten, anders als bei der Europäischen Gemeinschaft. So beschlossen wir, lediglich ein sehr gutes Klima mit ihnen aufrechtzuerhalten bezüglich technischer Kooperation. Und in dieser Hinsicht haben wir wirklich eine gute Zusammenarbeit erreicht, etwa bei der Regelung unserer Zollangelegenheiten oder bei der Errichtung der Zentralbank.

Wird die Rückgabe von Walvis Bay dazu beitragen, daß Namibia mehr am Außenhandel verdient?

Da war zunächst die Idee eines Freihafens. Aber ich denke, diese Idee ist bereits vom Tisch. Dann gibt es im Ministerium für Handel und Industrie die Idee, eine Art Zollfreizone zu errichten. Das wird noch diskutiert und ist noch nicht entschieden. Aber da sind wir auch noch auf Erfahrungen aus anderen Staaten, wie auch z. B. Ihres Landes, angewiesen, denn niemand von uns weiß, wie solch eine Zollfreizone tatsächlich arbeitet und wie man davon profitieren könnte.

Vielfach geht es dabei ja nur um die Konkurrenz um noch billigere Löhne und noch bessere staatliche Vorleistungen bei der Infrastruktur. Ob also eine solche Freizone tatsächlich entwicklungspolitisch sinnvoll ist, ist eher fraglich.

Ja, dem stimme ich vollkommen zu. Speziell wenn man von einem Land spricht, das eine so geringe Bevölkerungszahl aufweist wie Namibia. Denn die Länder in Südostasien haben ja wenigstens einen etwas größeren, attraktiveren Markt im Hinterland, doch in Namibia ist dies anders.

Die österreichische Regierung mißt den Empfehlungen der National Planning Commissison bei der Beurteilung und Implementierung von Entwicklungshilfeprojekten große Bedeutung zu. Wie sollte Ihrer Meinung nach die künftige Zusammenarbeit ausgebaut werden?

Generell möchte ich sagen, daß man oft nur auf die Beziehungen zu den Regierungen schaut und die wichtige Rolle der NGOs oder des privaten Sektors übersieht. Wir sind auf Ihre Hinweise und Vorschläge angewiesen. Im Falle Österreichs würden wir gerne eine stärkere Zusammenarbeit sehen. Ich weiß eigentlich nicht, wie man das erreichen könnte. Vielleicht, weil es keine traditionellen Handelsbeziehungen gibt, meint man, daß die österreichisch-namibische Zusammenarbeit nicht besonders groß ist. Aber vielleicht könnten Sie uns einen Rat geben. Unsere Strategie war stets: Laßt uns eine erste Phase als eine Übergangsperiode betrachten und danach zu einer permanenteren Zusammenarbeit kommen basierend auf Handel, technischer Kooperation usw. Es bedarf vielleicht einer Überprüfung dieser Verbindungen und einer Untersuchung, wie man die bestehenden Verbindungen erweitern könnte.

Und würden Sie meinen, Namibia wäre an einem solchen Ausbau der Zusammenarbeit interessiert?

Ja sehr. Absolut.

Vielen Dank für das Gespräch.

Dr Zedekia Ngavirue: 1959 einer der Gründer der South West African National Union (SWANU); 1965 Vorsitzender des External Council der SWANU in Schweden; Rückkehr nach Namibia, 1975 kurzzeitig Delegierter zur Turnhallen-Verfassungskonferenz; General Manager der Rössing Mine; 1990 Director General der National Planning Commission Namibias.
Das Interview führten Walter Sauer, Elfriede Pekny und Barbara Pichler

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