Leseprobe INDABA 10/96

Litungu lya mwali

Du tanzt nachmittags am schattigen Tanzplatz im Sand und nachts in der Hütte mit deinem Mann. Eva Rauter dokumentierte die weibliche Initiation bei den Luvale im Nordwesten Zambias.

"Was lernt das Mädchen hier in all den Monaten?" "Kukina, tanzen!", sagen die Frauen, und sie lachen dabei. Tanzen. Ein weiter Begriff in Luvale. Du tanzt nachmittags am schattigen Tanzplatz im Sand und nachts in der Hütte mit deinem Mann.
Diese und andere Fertigkeiten lernt ein Luvalemädchen in seiner Initiationsphase, wenn es vom Kinderleben zum Frauenleben wechselt. Von einer Luvalefrau wird erwartet, daß sie eine liebevolle Mutter und Ehefrau wird, medizinisches und religiöses Wissen hütet, Geschichten spannend erzählen und ausdauernd tanzen kann. Und daß sie gelernt hat, in Ruhe und Geduld hart zu arbeiten.
Ein halbes bis ein dreiviertel Jahr ist eine Initiandin (mwali) vom Dorf separiert. Neben den chyanda- und mutenya-Tänzen lernt sie die Zusammensetzung verschiedener Medizinen - besonders solcher, die fruchtbar machen - und sammelt Erfahrung über Heilpflanzen, bestimmte Bäume und Plätze sowie über deren Kräfte und Gefahren. In einer speziellen Körper- und Geisteshaltung durchlebt sie den Weg vom Kindsein zum Frausein und erlangt traditionelles Wissen aus Liedern und Geschichten am abendlichen Feuer, dem mwali-Feuer, das nie ausgehen darf.

Im Jahr 1990 hatte ich die Gelegenheit, in der Nordwestprovinz Zambias über traditionelle Erziehungsweisen der Mädchen zu lernen und sie zu dokumentieren. Litungu lya mwali, die Mädcheninitiation, ist in der vorgefundenen Weise bei den Luvale, Luchazi und verwandten Ethnien im nordwestzambischen und ostangolanischen Raum lebendig. Gerhard Kubik, der schon lange zuvor ausführlich über die Buschschule der Knaben und das damit verbundene Maskenwesen (mukanda na makishi) im betreffenden Gebiet gearbeitet hatte, hatte mir diese Reise empfohlen, und so machte ich mich auf den Weg.
Nach zwölfstündiger Autofahrt erreichte ich, von der Hauptstadt Lusaka aus, die beiden Provinzhauptstädte Kabompo und Zambezi. Nach einigem Herumfragen traf ich Moses Yotamu, einen jungen einheimischen Kulturforscher, der mir in Wien empfohlen worden war. Mir fiel auf, daß es in der Gegend nur für eine begrenzte Zahl von Menschen Möglichkeiten gibt, monetäres Einkommen zu erwirtschaften. Es gibt grundlegende Infrastrukturen wie Gemeindebüros, Post, Krankenhaus, Polizei, Schulen, Markt und kleine Kaufhäuser, jedoch keinerlei Industrie oder Fremdenverkehr. Die Nahrungsmittelerzeugung aus der eigenen Landwirtschaft und geldloser Tauschhandel bilden für den Großteil der Bevölkerung die wichtigste Wirtschaftsform.
Im ländlichen Bereich ist das Leben bei den Luvale, Luchazi und verwandten Völkern strikt nach geschlechtlichen Kompetenzbereichen geordnet. In der täglichen Arbeit bedeutet das für die Frauen Feldarbeit (Mais, Manjok, Kohl), Kleinviehzucht, Wasser holen, Holz sammeln, Kochen, Waschen und Kinderbetreuung; weiters betreiben sie kollektiven Fischfang mit selbst geflochtenen Körben. Diese Fertigkeiten lernen die Mädchen spielerisch schon von klein auf.
In den Zuständigkeitsbereich der Männer fallen Hausbau, Rinderzucht, Transportwesen, aber auch Feldarbeit sowie Dorfpolitik.

Die Initiation (litungu lya mwali für die Mädchen bzw. mukanda na makishi für die Knaben) integriert die jungen Menschen in ihre jeweiligen Geschlechtsgruppe und stärkt die Solidarität innerhalb dieser Gruppe. Damit verbunden sind ein bestimmter Status in der Gesellschaft wie auch bestimmte Rechte und Pflichten.
Bei meiner Ankunft in Kabompo wußte ich kaum etwas über die traditionelle Erziehungsweise der Mädchen und inwieweit sie überhaupt noch gepflegt wurde. Moses Yotamu hatte in Erfahrung gebracht, daß in zwei nahegelegenen Dörfern litungu lya mwali im Gange war. Zunächst aber stellte er mich verwandten und bekannten Frauen vor und arrangierte ein Treffen mit Esther Samahongo, einer alten Frau, die sehr genau über das Ritual Bescheid wußte.
Am vereinbarten Tag spätnachmittags besuchte ich Frau Samahongo gemeinsam mit Mwime Ngunga, einer Freundin, die aus dem Luchazi ins Englische übersetzen sollte. Frau Samahongo empfing uns ruhig, in würdevoller Haltung an einem kleinen Tisch in ihrer Hütte sitzend. Ich überreichte ihr mein Gastgeschenk, sie lächelte, bot uns Platz an und begann zu erzählen. Ihre Stimme war gedämpft - niemand außer uns sollte mithören - ihre Augen leuchteten begeistert und stolz und mit den Händen unterstrich und beschrieb sie bestimmte Einzelheiten. Sie erzählte aus ihrer Erinnerung an die eigene Initiation und aus ihrer Erfahrung als Lehrerin, die schon viele Mädchen durch litungu geführt hatte. "Am ersten Tag, wenn ein Mädchen zum ersten Mal blutet..." begann sie und erzählte weiter über den Tanz um den muulya-Baum, über die Errichtung der Initiationshütte, über die Körperbemalung, über wusanga, den Kettenschmuck für die Abschlußfeier, über das Öl, mit dem die Frauen die mwali am ganzen Körper einreiben, bevor diese in ihr neues Leben hinausgeboren wird, "...überall!" sagte sie und strich sich dabei über Kopf, Rumpf und Beine. Sie demonstrierte verschiedene rituelle Körperhaltungen und zuletzt tanzte sie, schulterkreisend und leise singend.
Ich könne ihr jetzt Fragen stellen, sagte Frau Samahongo. Doch ich hatte zunächst die Sprache verloren, so berührt und beeindruckt war ich von dem soeben Gehörten: glücklich über die Reichhaltigkeit des Inhaltes und etwas traurig über die Erinnerung an meine Menarche, welche nicht Anlaß für ein feierliches Ritual gewesen war.
Dieses erste Interview gab mir die Basis für eine sinnvolle teilnehmende Beobachtung und die Formulierung von Fragen an die anderen Frauen, welchen ich im Laufe der kommenden Zeit begegnen sollte.
Ich setzte die Reise fort, in Begleitung von Josephine Nama Mbilishi, die von nun an als meine Partnerin mit mir arbeitete. Wir widmeten uns ausgedehnten Alltagsbeobachtungen, besuchten rituelle Festakte, zeichneten Lieder und Erzählungen auf und pflegten regen Gesprächsaustausch mit den Frauen in Zambezi, Chingalala, Chavuma und Chizunda, welche uns überall freundlich und neugierig empfingen und stolz waren, uns teilhaben zu lassen.
Tagsüber besuchten wir die mwali in ihrem chisewilo, einen Platz im Busch knapp außerhalb des Dorfes, der mit einem Zaun so umgeben ist, daß man von außen nicht hineinsehen kann: Sie sitzt dort, nackt, in ritueller Haltung, nur mit einer Decke umhüllt und hält demütig den Blick gesenkt. Ihr Körper ist mit Asche eingerieben und erscheint grauweiß, die Finger umschließen die Daumen zu Fäusten, welche sie an den Hüften anlegt. Scheu schaut sie die Besucher an, um mit einem Lächeln rasch wieder den Blick zu senken. Eine mwali soll nie etwas oder jemanden direkt anschauen. Aber sie kann sich unterhalten lassen, von den Frauen und Kindern, die sie tagsüber besuchen.
Die Initiandinnen sind im allgemeinen im Alter zwischen 11 und 17 Jahren, je nachdem, wann die Menarche einsetzt. Die meisten haben bis dahin schon die Grundschule nach englischem System besucht. Da das traditionelle Erziehungssystem nicht gleichzeitig mit dem europäischen stattfinden kann, bleiben die Initiandinnen für etwa ein Jahr der Schule fern. Danach kehren viele nicht mehr zurück, um ihre Schulbildung abzuschließen.

Manche Familien verlegen litungu lya mwali auf die Sommerferien und verkürzen es dadurch. Dieses Problem haben viele beklagt, da europäische Schulbildung für die Mädchen als wichtig erachtet wird, man aber die traditionelle Erziehung nicht verfälschen will. Auch missionarische Einflüsse wirken verfälschend auf die Initiation. Im Dorf Nachawa, nahe Kabompo fanden wir eine mwali, die nicht tanzte, weil die Familie sich zum Christentum bekannte. Das Tanzen, das alle zwei bis drei Nachmittage mehrere Stunden dauert, ist ein Hauptinhalt von litungu lya mwali und auch der Höhepunkt des Abschlußfestes.
Andererseits findet man gute Wege, christliche Einflüsse in litungu lya mwali zu integrieren. So z.B. in einer Geschichte, wie sie die Frauen im Kreis der Initiandin am abendlichen Feuer erzählen, wo es heißt, der (christliche) Gott Kalunga habe die mwali zu sich in den Himmel geholt, damit diese seine Tochter, die gerade im litungu sei, im Tanzen unterrichte.
So hoch die Initiation unter der ländlichen Bevölkerung auch gehalten wird, so sehr durchläuft sie also auch einen Kulturwandel. Einige Monate nach meiner Rückkehr nach Österreich erhielt ich einen Brief von Ngambo Chisange, die mwali in Chizunda gewesen war. Sie schrieb mir, sie mache nun mit der Schule weiter, um ihre Ausbildung abzuschließen; das sei heutzutage wichtig. Sie wolle erst später heiraten und Kinder kriegen - wie das in Europa üblich sei. So ist es heute nicht mehr nur litungu, das die Identität der jungen Mädchen prägt...

Genaue Ausführungen zu Inhalt und Verlauf der Mädcheninitiation litungu lya mwali befinden sich in meinem Beitrag "Das Mädchen lernt tanzen" im Sammelband "Kinder. Ethnologische Forschungen in fünf Kontinenten", hg. von Marie-Jose van de Loo und Margarete Reinhart, Trickster Verlag, 1993. Zur Initiation der Knaben verweise ich auf den Beitrag von Gerhard Kubik "Die Mukanda-Erfahrung" im selben Band.

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