Leseprobe INDABA 10/96

Dar-es-Salaam
Vom Sultanshafen zur SADC-Metropole

Vielfältige kulturelle Einflüsse prägen das Antlitz der ostafrikanischen Hafenstadt, die immer noch als die inoffizielle Hauptstadt Tanzanias angesehen wird. Barbara Köfler und Klement Tockner haben sich für INDABA in Dar-es-Salaam umgesehen.

Mitte des 19. Jhd. begann Sultan Majid bin Said von Zanzibar mit der Realisierung seines Planes, den Naturhafen an der westlichen Festlandküste Zanzibars zu einem sicheren Ankerplatz und Seehafen auszubauen; gleichzeitig plante er die Errichtung eines Palastes aus Korallengestein, dem er den Namen Dar-es-Salaam - frei übersetzt "Tor zum Frieden" - gab. Nach seinem Tod wurde das Vorhaben abgebrochen und erst wieder 1891 durch die deutschen Kolonialherren wiederbelebt, die zentrale Lage und Hafen nutzten und die Hauptstadt von "Deutsch-Ostafrika" von Bagamoyo weiter nach Süden, nach dem entstehenden Dar-es-Salaam verlegten. Kurz darauf wurde auch das Hotel "Zum deutschen Kaiser" errichtet, in dem Reisende und Kaufleute residieren sollten. Oscar Baumann, der bekannte Forschungsreisende und österreichisch-ungarische Honorarkonsul in Ostafrika, beschreibt 1895 das Hotel als einem St. Pöltener und seinem siebenbürgischen Partner gehörend, in dem die damals weltberühmten "böhmischen Damencapellen" im Rahmen ihrer Welttournee Station machten und beispielsweise den "Schrammel-Marsch" zum besten gaben. In der Folge wurde dieses Hotel von den britischen Kolonialherren in "New Africa Hotel" umbenannt; nach mehreren Umbauten soll jetzt hier ein Luxushotel entstehen.
Bereits 1914 war auch die 1248 km lange, von den Deutschen 1905 begonnene Bahnlinie Dar-es-Salaam - Kigoma am Tanganiyka-See fertiggestellt, was dazu beigetragen hat, Dar-es-Salaam stetig zu einem wichtigen Verkehrs- und Handelszentrum anwachsen zu lassen.
Hatte Dar-es-Salaam noch 1935 etwa 25.000 Einwohner, so ist ihre Zahl heute auf fast 2 Millionen angewachsen; als die größte Stadt Tanzanias war und ist sie eines der Ziele der abwanderungswilligen Landbevölkerung.

Noch mehr als andere Gebiete Afrikas hat Tanzania durch die Jahrhunderte vielfältige kulturelle und religiöse Einflüsse aufgenommen: Kirchen, Moscheen und Hindu-Tempel prägen gleichermaßen das Stadtbild von Dar-es-Salaam.
Inoffiziell wird Dar-es-Salaam weiterhin als tanzanische Hauptstadt angesehen, offiziell ist es Dodoma in Zentral-Tanzania. Dars Bedeutung als Handels- und Verkehrszentrum ist geblieben, nicht zuletzt aufgrund des internationalen Flughafens wie auch des Überseehafens. Die Wirtschaft erfuhr einen rasanten Aufschwung; neben großen Firmenniederlassungen und diversen Geschäften kommt vor allem dem Kleingewerbe eine wichtige Stellung zu: Das Bild der - je nach Wetterlage - staubigen oder überfluteten, grob asphaltierten Straßen ist geprägt von unzähligen Straßenverkäufern, die sich auf den vielen Grünflächen der Stadt zu Minimärkten sammeln; jederzeit können Schuhe repariert, Kleider, Souvenirs, Kokosmilch, Mangos oder Gemüse erhandelt werden. Jugendliche und Kinder verkaufen teilweise mit Bauchläden Nüsse, einzelne Zigaretten, Tageszeitungen oder bieten den Passanten an den Hauptverkehrsstraßen Moskitonetze, Computertische, Frostschutzmittel (!) und kleine Imbisse an. Zusätzlich belebt wird das Straßenbild neben dem üblichen Verkehr vor allem durch unzählige Musikkassettenverkäufer, die ihre Ware auf Handkarren präsentieren und versuchen, durch lautes Vorspielen der neuesten Hits sich gegenseitig die Kunden abzuwerben.

Nicht nur der Stil der noch zahlreichen alten Gebäude im Stadtzentrum, sondern insbesondere auch das "Askari"-Denkmal lassen die Erinnerung an die ehemalige Kolonialherrschaft und alle ihre Folgen aufleben. In das Monument sind die Worte des deutschen Generals Paul von Lettow-Vorbeck eingemeißelt: "Zum Gedenken an die einheimischen afrikanischen Truppen, die kämpften; ein Lob all den Trägern, die so wichtig für die Armee waren; mögen die Söhne der Gefallenen, die in Deutsch-Ostafrika von 1914-1918 umkamen, deren Namen in Erinnerung halten" .....
Spaziert man von diesem Denkmal Richtung Lutheran Church und weiter entlang der Kivukoni Front, einer schattigen Uferpromenade, zum Kilimandjaro-Hotel (einer luxuriösen Unterkunft, von deren Dachrestaurant man einen beeindruckenden Ausblick auf Stadt und Hafen hat), kommt man nach kürzester Zeit zur Ohio Street. Hier an der Ecke wiederum ein Gebäude im typischen Kolonialstil mit großer Terrasse zur Seeseite hin. Auf einem Schild über der Eingangstüre ist "Ministry of Lands Natural Resources and Tourism" zu lesen. Verblüfft stellt man fest, daß hier etliche Menschen unter bunten Sonnenschirmen sitzen, essen und trinken. Beim Näherkommen erst ist auf einem weiteren kleineren Schild "Hotel and Tourism Training Institute" zu entziffern: nicht Beamte verbringen hier ihre Mittagspause - Gastgewerbepersonal wird auf den späteren Beruf vorbereitet, gleichzeitig ein Restaurant, das zum Verweilen einlädt und in dem einst Evelyn Waugh verkehrte.
Unter den Bäumen der schattigen Allee an der Uferpromenade verkaufen Bauern aus der näheren Umgebung von Dar bzw. Kigamboni, einer fruchtbaren Halbinsel am Hafen, Paradeiser, Erdäpfel, Zwiebel oder Orangen und Baummelonen, alles poliert und liebevoll zu kunstvollen Pyramiden aufgeschichtet.
Weiter am Wasser entlang kommt man - vorbei an ausgewrackten Fähren oder Fracht-Dhows, an im Wasser spielenden oder badenden Kindern - zur Kivuko-Fähre, mit der Menschen, Lastgüter und Fahrzeuge auf Kigamboni, deren Gärten und Mangrovenwälder bis ins Meer reichen, übergesetzt werden.

Wieder zurück auf der Straße, dem Ocean Drive, weitet sich der Blick zum Meer und auf eine riesige Wellblechdachlandschaft. "Hier sind also die Slums von Dar-es-Salaam" wird wohl die erste Vermutung sein; weit gefehlt, Slumgebiete finden sich nicht in dieser Stadt. Hier handelt es sich um den Kivukoni-Fischmarkt, kleine Fischrestaurants, eines neben dem anderen. Unter jedem Blechdach Tische und Bänke, davor ein Grill, auf dem alle möglichen Arten von Fisch zubereitet werden. Am Strand Fischer mit ihren Doppelausleger-Booten; Tintenfische, Rote Schnapper, Barracudas, Garnelen oder Hummer werden ausgeladen, Außenbordmotoren ans Ufer geschleppt. Frauen wie Kinder nehmen den frischen Fang aus, wälzen ihn im Sand und schaben die Schuppen mit Messern ab, salzen ihn ein oder reichen ihn weiter an die Köche, die die Fische sofort für ihre Kunden zubereiten.
Gleich daneben Verkaufsstände mit Fisch, Muschelschalen, Schneckengehäusen und Meeressteinen. Schnell ist man in ein Gespräch über tanzanische und europäische Fische, neueste Wirtschaftsnachrichten und erste Eindrücke von Dar vertieft.

An der Kreuzung Zanaki-Street, Ecke Morogoro und UWT-Street liegt ein kleines vollklimatisiertes Restaurant, beliebt vor allem bei den in Dar lebenden Weißen: die Nights of Istanbul. Und erst nachdem man sich an der Theke kleine Imbisse wie Samosas, Pasteten, Pizzastücke oder Hamburgers ausgesucht hat und glücklich mit einem kalten Soft-Drink an einem der kleinen Tische Platz genommen hat, fällt es auf: dieses riesige, aus Holz geschnitzte liegende Dromedar, das zu einer Sitzbank umfunktioniert ist.
Unweit des Askari-Monuments, zwischen den zahlreichen von Indern geführten Supermärkten und verschiedenen Verlagshäusern mit angeschlossenen, teilweise außerordentlich gut sortierten Buchhandlungen befindet sich ein weiteres bei Einheimischen wie Europäern sehr beliebtes Lokal, das Café Salamander, das nicht nur sehr gute Mittagsmenüs bietet, sondern auch eine angenehme, schattige Terrasse.
Möchte sich der Dar-Besucher abends bei einem kühlen Bier von tanzanischem Fernsehen - eine etwa 2 stündige Nachrichtensendung mit Börsenkursen und Wetter, unterbrochen von Werbung für einheimische und amerikanische/japanische Produkte unterhalten lassen, so ist die Bar des Agip Hotels sehr zu empfehlen. In der Snackbar im Erdgeschoß werden von vegetarischer Pizza, Spaghetti, über indische Currys bis zu typisch tanzanischer Küche, auch frische Fruchtsäfte und verschiedenste importierte Drinks angeboten.

Am Stadtrand in nordwestlicher Richtung gelegen befindet sich die neue University of Dar-es-Salaam. Der Universitäts-Campus wurde im Juli 1970 eröffnet und liegt auf einem Hügel inmitten von grünem Rasen und farbenprächtigen Gärten. In den 70er Jahren war die Universität intellektuelles Zentrum Ostafrikas, und Wissenschaftler aller Sparten diskutierten Postkolonialismus, afrikanische Identität, politische wie wirtschaftlich aktuelle Fragen. Bekannte Staatsmänner wie Yoweri Museveni von Uganda studierten hier. Auch schrieb beispielsweise der guyanische Historiker Walter Rodney sein programmatisches Werk "How Europe Underdeveloped Africa" während der Zeit, in der er in Dar unterrichtete. Daneben wurde und wird weiterhin auf die Grundschulausbildung großer Wert gelegt; so lagen Anfang der 80er Jahre die Investitionen auf dem Bildungssektor bei 20% der gesamten Staatsausgaben.
Die Alphabetisierungsrate Tanzanias liegt mit 90% weit über dem afrikanischen Durchschnitt. Bemerkenswert ist, daß Mädchen wie Buben gleiche Chancen eingeräumt werden. Zeitungen sind für jeden erhältlich, Ausgaben in Suaheli wie auch Englisch liegen auf. Kleine Buchhandlungen oder Verlagshäuser führen Schulbücher und Taschenbücher. Antiquariate in der Gegend nahe der Maktaba Street bieten eine Auswahl an Büchern preisgünstig an.

Etwa 10 Kilometer außerhalb des Stadtzentrums, noch bevor man zur Universität kommt, befindet sich auf der Bagamoyo Road - nach dem Drive-In Cinema - das für einen Besuch sehr empfehlenswerte Museum of Villages. In diesem Freilichtmuseum sind unterschiedlichste Haustypen aus ganz Tanzania nachgebaut und ausgestellt. Vom winzigen Flüchtlingslagerzelt über eine Maasai-boma bis zu einem die traditionelle Bauweise ablösenden rechteckigen Swahili-Einheitshaus ist jedes dieser Häuser frei zugänglich und vermittelt dem Besucher einen Einblick in die traditionelle Technik, Bauweise und Kunstfertigkeit.
Nicht nur zur Besichtigung, sondern auch zum Einkauf lädt das etwas vom Stadtzentrum entfernt gelegene Art Center "Nyumba ya Sanaa", das Haus der Kunst. Dieses Kunsthandwerkszentrum wurde 1972 gegründet und finanziert sich fast zur Gänze selbst. Die dem Zentrum angeschlossenen Werkstätten beschäftigen etwa 150 Künstler aus dem Bereich der Malerei, Graphik, Batik, Mode, Weberei, Papierkunst und Töpferei. Man kann dem Entstehungsprozeß der Werke beiwohnen, und die Künstler geben auf etwaige Fragen gerne Auskunft.
Die Atmosphäre ähnelt der im "Mwenge Handicraft Centre", in dem die Tradition der Makonde Schnitzkunst weitergeführt wird. Sammlungen zur Archäologie und Menschheitsgeschichte präsentiert das im Villen- und Botschaftsviertel gelegene National Museum. In wechselnden Sonderausstellungen werden Lebensweise und Kunst der etwa 120 unterschiedlichen Ethnien Tanzanias vorgestellt.

Neben dem schon erwähnten Kivokuni-Fischmarkt ist der Kariakoo-Markt im gleichnamigen Stadtteil einer der lebendigsten Orte von Dar-es-Salaam. Geht man durch die befestigten, zweistöckigen Markthallen, wird man bald von Gerüchen exotischer Gewürze, Obst und Gemüse eingefangen. Neben Lebensmitteln werden Kleider, Stoffe, Sisaltaschen und -transportkörbe, die chinesischen Varianten unserer alten "Singer"-Tretnähmaschinen, die einprägsame Namen wie etwa "Flying Horse" tragen, und sonstige Haushaltsgeräte zum Verkauf angeboten.

Vor den Markthallen befindet sich auch einer der frequentiertesten Busbahnhöfe, von dem Busse und Taxis in alle Richtungen der Stadt abfahren; faszinierend der geschäftige Trubel an diesem Platz mit seiner menschlichen Vielfalt. Selbst hier inmitten des Treibens findet sich immer jemand, der von sich aus bereit ist, einem hilflos wirkenden Touristen den Weg zu erklären oder ihn gar bis zur nächsten Straße zu begleiten.
Man fährt mit einem der vielen Busse mit einem Ticket zu nicht ganz zwei öS (100 Tanzania Shilling) durch unterschiedlich geprägte Stadtteile Dars. Vorbei an von der ehemaligen DDR gestifteten sozialen Wohnbauten und verschiedensten lebendig bunten Märkten zum Beispiel zum Hauptgebäude der Tazara.
Die Tazara, die Tanzanisch-Zambische Eisenbahn, ist eines der tanzanischen Prestigeprojekte. Die Bahnlinie wurde nach chinesischer Planung und teilweise von chinesischen Arbeitern gebaut. Dies war für China das bisher größte Projekt außerhalb der eigenen Staatsgrenzen. Die Eisenbahn bummelt durch den Selous Game Reserve, das größte afrikanische Wildreservat, ein paar Kilometer südwestlich von Dar-es-Salaam gelegen.

Wie jede Millionenstadt hat auch Dar-es-Salaam vielfältige Probleme zu bewältigen. Eine Firma wurde gegründet, die Mülltrennung, Verbrennung und Recycling organisieren wird. Leserbriefe in Zeitungen beschäftigen sich mit Problemen wie Kriminalität und bieten Lösungsvorschläge - wie zum Beispiel effektivere elektrische Straßenbeleuchtung - an.

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URL: http://www.sadocc.at/indaba/leseproben/1996-10-daressalam.shtml
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