Leseprobe INDABA 10/96

Die Revolution an den Wänden

Künstlerisch bedeutende Wandmalereien in Maputo spiegeln die Euphorie der ersten Jahre nach der Unabhängigkeit Moçambiques wider. Heute sind sorgfältige Bemühungen zu ihrer Konservierung nötig. Von Albie Sachs und Sol Carvalho.

Öffentliche Kunst, dargestellt in Postern oder Wandgemälden, gehört zu jenen Bereichen, in denen die öffentliche Meinung ihren Schrei nach Freiheit ausdrückt. Mexiko, Cuba, Nicaragua, Angola und Moçambique sind Länder, in denen diese öffentliche Kunst zu bedeutenden Höhepunkten gelangt ist.
In den ersten Jahren nach der Erlangung der Unabhängigkeit Moçambiques durchlief die volkstümliche Kunst eine Phase der Euphorie. Ganze Wände wurden von Gemälden bedeckt, deren Themen auf die politischen Entwicklung des Tages bezogen waren, die die Bevölkerung mobilisierten und eine breite Vielfalt von Emotionen und malerischer Stilrichtungen reflektieren. In dieser spontanen, ungeplanten Kunst liegen sowohl ihre Stärke als auch ihre Schwäche. Einerseits waren die Gemälde extrem vielfältig und kreativ, andererseits verblichen sie bald oder wurden vom Regen weggewaschen; die Botschaften lösten sich in Fragmente auf und verschwanden.
Diese vergänglichen Kunstwerke der Anfangsphase wurden bald durch einen anderen Typus von Wandgemälden ersetzt, den man als eine "zweite Bewegung" bezeichnen könnte. Diese ist im wesentlichen dadurch kennzeichnet, daß sie von professionellen Künstlern oder einer Gruppe von Künstlern durchgeführt wurde, die - durch die nationale Revolution motiviert - eine universale und dauerhafte Botschaft zu hinterlassen beabsichtigten. Die Kompositionen sind größer, mit einer breiteren Farbpalette ausgeführt und dauerhafter, oft mit vorheriger Genehmigung der Lokalverwaltung geschaffen.

Typisch für diese zweite Phase ist die Beteiligung von politischen Flüchtlingen, die nach Jahren des Exils nach Moçambique zurückgekehrten und wiederum das Bedürfnis verspürten, einen Beitrag für ihr Heimatland zu leisten. 1977 vollendeten ungefähr hundert Freiwillige die ersten Wandgemälde dieser Serie auf einer Wand des größten Krankenhauskomplexes des Landes. Die Arbeit stand unter der allgemeinen Koordination von Moira Thoa, eines chilenischen Malers, aber moçambikanische Künstler - und selbst ein Teil des Krankenhauspersonals - wirkten mit.
Claudio Reis, ein weiterer Chilene, und seine moçambikanische Frau Madalena, malten ein riesiges Wandgemälde in der Unterstadt Maputos, an einem strategischem Punkt, an dem täglich tausende Hafenarbeiter vorbeigehen.
Beide Wandgemälde besitzen einen eindeutig revolutionären Inhalt. Ihre Elemente vermitteln eine lyrische und optimistische Sichtweise einer Revolution, die sich als schwieriger herausstellte, als sie sich ihre Urheber vorgestellt hatten. Beide sind feinsinnige und aussagekräftige Vorankündigungen einer besseren Zukunft. Das zentrale Thema eines der Gemälde ist die menschliche Hand, die in Samora Machel's Worten "die einzige Quelle von Wundern in jedem revolutionären Prozeß" ist. Das zweite Gemälde stellt eine Verbindung von industriellen und landwirtschaftlichen Elementen dar, die das grundlegende Bündnis symbolisieren, das die politische Bewegung Moçambique's hervorzubringen beabsichtigt.
Ein drittes Wandgemälde dieser Serie bedeckt die gesamte Seitenwand eines niedrigen Gebäudes des Landwirtschaftsministeriums. Seine humorvolle, durch Kurven belebte Komposition deutet auf einen Regenbogen hin; aber einige der menschlichen Gestalten tragen einen schweren und geradezu starren Blick zur Schau, der eine ernstere Botschaft über die wirkliche Situation, mit der sich alle Moçambikaner konfrontiert sehen, übermittelt. Diese einander scheinbar widersprechenden Elemente werden jedoch in harmonischer Weise durch den einmaligen Ausführungsprozeß des Murales zusammengebracht.
Der obere Teil des dritten Wandgemäldes wurde von Moira Thoa gestaltet, einem chilenischen Exilierten, dessen Malereien einen durchgehend optimistischen Grundtenor aufweisen. Der untere Teil ist das Werk eines berühmten moçambikanischen Malers, nämlich von Malangatana Nguenya, dessen intensiver und berührender Stil für die Dramatik und Spannung des Gemäldes verantwortlich ist.

Malangatana hat später einen noch größeren Beitrag zur Wandmalerei geleistet, indem er eine riesige Wand im Garten des Naturhistorischen Museums in Maputo bemalte. Sein Thema ist der "Menschliche Kampf im Kontext der Natur" und, im Gegensatz zu den anderen oben genannten Wandgemälden, ist diese politische Botschaft subtiler und verborgen.
Es ist ein brilliantes Fresko, menschliche und tierische Gestalten zeigend, die den Betrachter von drei nebeneinanderliegenden Wänden anstarren. Es gibt keine Pole oder Perspektiven, sodaß das Auge des Betrachters von links nach rechts und von rechts nach links wandert und eher auf das Detail als auf die Gesamtkomposition reagiert. Glücklicherweise verlangten diejenigen, die zu jener Zeit für die Durchsetzung einer neuen Kulturpolitik beauftragt waren, von Malangatana und den anderen keinen Optimismus, wie er in ihrem bildlichen Universum nicht existierte.

Von derselben Qualität wie Malangatana ist Mankeu, ein anderer bekannter moçambikanischer Maler und Zeitgenosse. Bis zur Erlangung der Unabhängigkeit war Mankeu für seine düsteren Gemälde bekannt, die oft Skelettgestalten in trockenen Brauntönen darstellten. Plötzlich jedoch benutzte er dann unterschiedliche und lebhaftere Farben, wie etwa jene, die er auf einer Wand der Volksmesse malte, an einem Ort, der am Wochenende von tausenden moçambikanischen Bürgern besucht wird. Dieses Wandgemälde zeigt fröhliche Menschen bei traditionellen moçambikanischen Tänzen - ein vollkommen neues Thema in der Arbeit des Malers.
Ein anderes Wandgemälde dieser neuen Phase der moçambikanischer Kunst wurde von einer Reihe von Künstlern in den Gärten des Präsidentenpalastes gemalt, die, während sie ihre individuellen Stile bewahrten, eine ganzheitliche Komposition vollendeten. Es ist ein riesiges Fresko, das eine Vielfalt menschlicher Gestalten darstellt; gequälte Gesichter sind neben lachenden abgebildet, als ob die breite Gefühlspalette eines ganzen Volkes abgebildet wäre.

Die größte Errungenschaft der moçambicanischen Revolution im Bereich der bildenden Kunst aber ist zugleich der wichtigste Markstein einer "Dritten Phase"- charakterisiert durch den Umstand, daß Mauern dazu bestimmt wurden, Wandmalereien aufzunehmen. Wir beziehen uns auf die Gemälde von Praça dos Heróis, auf einer geschwungenen, 96 Meter langen und 5 Meter hohen Wand. Als Eduardo Mondlane bei dem Flugzeugabsturz 1986 ums Leben kam, ersuchten die FRELIMO-Führer um die Überführung des Leichnams von Tanzania nach Moçambique. Schon gleich nach Erlangung der Unabhängigkeit waren Schritte unternommen worden, um ein Denkmal zu Ehren der moçambikanischen Helden zu errichten, die für die Freiheit gestorben waren. Ein einfaches, sternförmiges Grab war in der Mitte eines öffentlichen Platzes geplant worden, und es sollte eine lange, wellenförmige Mauer gebaut, die bemalt werden sollte. Das Wandgemälde sollte die Odyssee des moçambikanischen Volkes aufzeigen - von den frühen Tagen der kolonialen Unterwerfung, durch Sklaverei, Zwangsarbeit, Faschismus, die Entstehung eines bewaffneten Kampfes bis zum Sieg des Befreiungskampfes und zur Errichtung einer neuen Gesellschaft.
Das Gemälde war das Ergebnis einer kollektiven Leistung von Künstlern wie José Freire, João Craveirinha, José Forjaz, Malangatana Nguenha, Eugénio de Lemos und António Quadros. Die Arbeit war für alle Teilnehmer eine unvergeßliche Erfahrung, ein Sieg gegenseitiger Interaktion; und das fertige Werk ist von einer solchen Qualität, daß es alles andere übertrifft, was im künstlerischen Bereich bisher in Moçambique geschaffen wurde.

Die Kunst der Wandgemälde scheint innerhalb der bildenden Kunst Moçambiques eine bevorzugte Stellung erhalten zu haben. Geplant sind weiters die Bemalung von Mauern am Hafen von Maputo und die Errichtung eines öffentlichen Platzes, dessen Umfassungswände von den herausragendsten nationalen Künstlern bemalt werden sollen.
Das Problem aber ist heute, wie diese wenig wetterfesten Kunstwerke konserviert werden können. Moçambique's Behörden sind sich dieses Problems bewußt und auf der Suche nach Unterstützung bei der Erhaltung der Malereien.

(Übersetzt von Rebecca Lamadé)

Seitenanfang

URL: http://www.sadocc.at/indaba/leseproben/1996-10-sachs.shtml
Copyright © 2017 SADOCC - Southern Africa Documentation and Cooperation Centre.
Rechtliche Hinweise / Legal notice