Leseprobe INDABA 15/97

Zwischen Eselskarren und Internet

Säen heißt nicht ernten und Pflanzen heißt nicht Essen, besagt das kenyanische Sprichwort, mit dem Ruth Makotsi die Perspektiven des afrikanischen Verlagswesens umschreibt. Doch neben den enormen Hindernissen, vor die sich Autoren und Verleger in Afrika gestellt sehen, gibt es immer wieder Lichtblicke. Von einem solchen - der Zimbabwe International Book Fair (ZIBF) - berichtet Gerhard Protschka.

Seit ihrer Gründung im Jahr 1983 hat sich die ZIBF nach und nach zum wichtigsten Ereignis des literarischen Jahres im Südlichen Afrika entwickelt. Die Buchmesse, unter freiem Himmel im Skulpturengarten der Nationalgalerie von Zimbabwe durchgeführt, stellt ein einzigartiges Forum für das afrikanische Buch dar und übt eine ungebrochene Anziehungskraft auf die Verlagsbranche aus. So konnten in diesem Sommer mit ca. 270 Ausstellern und 300 weiteren Fachbesuchern aus 53 Nationen erneut Rekordzahlen verzeichnet werden.
Unter den Ausstellern befanden sich in diesem Jahr erstmals auch knapp dreißig Verlage aus Österreich, deren Bücher an einem Gemeinschaftsstand präsentiert wurden. Ermöglicht hatte diesen Auftritt das Dokumentations- und Kooperationszentrum Südliches Afrika (SADOCC) in Wien mit finanzieller Unterstützung seitens des Außenministeriums. Dr. Felix Mikl, scheidender österreichischer Botschafter in Harare, hatte sich bereit erklärt, die ausgestellten Bücher am letzten Messetag offiziell an verschiedene Bibliotheken in Zimbabwe zu übergeben. Dieser Akt wurde durch Tanz- und Musikvorführungen einer Gruppe von Tonga (vgl. INDABA 14) zu einem veritablen Event, der dem Stand starke Medienpräsenz bescherte.
Daß sich unter den ausgestellten Büchern auch deutschsprachige Ausgaben von Werken afrikanischer Autor/inn/nnen befanden, offenbarte den Besucher/inne/n übrigens, daß dem Lesepublikum in Österreich bzw. im deutschsprachigen Raum afrikanische Literaturen nicht gleichgültig sind. Daß Bücher von Charles Mungoshi, Cyprian Ekwensi oder Ozioma Nwachukwu auf deutsch vorliegen, überraschte auch manche Fachbesucher. Daraus resultierende Gespräche mit afrikanischen Kolleg/inn/nnen und Autor/inn/en führten in einigen Fällen zu dem Wunsch, mit den ausstellenden Verlagen in Kontakt zu treten und Werke zur Übersetzung anzubieten.

Alle, die mit dem Buchwesen in Afrika vertraut sind, schätzen die einzigartige Gelegenheit, auf der ZIBF zahlreiche Autor/inn/en und Verleger/innen aus dem gesamten afrikanischen Raum zu treffen. Die Organisatoren werden sich deswegen auch weiterhin über zunehmende Aussteller- und Besucherzahlen freuen dürfen, zumal die meisten Besucher/innen von der von Jahr zu Jahr verbesserten Organisation sehr angetan sind. Zahlreiche Veranstaltungen, Seminare und Workshops, die zur Zeit der Buchmesse ein attraktives Rahmenprogramm bilden, waren auch in diesem Jahr zusätzliche Anziehungspunkte für ein interessiertes Publikum.
So wird im Vorfeld der Buchmesse seit mehreren Jahren ein zweitägiges INDABA zu Themenbereichen angeboten, die für die Verlagsbranche relevant sind. In diesem Jahr lautete das keineswegs afrikaspezifische Thema "Access to Information", wobei sich viele Vorträge bedauerlicherweise auf den Zugang zum Internet und auf die neuen Medien beschränkten. Nach wie vor verfügen ja nur wenige Menschen in Afrika über den Zugang zum World Wide Web, vielen fehlt sogar noch der leichte Zugang zu Informationen in Buchform. Während das mündlich tradierte Wissen der Alten durch die rasanten gesellschaftlichen Umwälzungen immer weniger Verbreitung findet und für aktuelle Probleme auch oft keine Lösungen bietet, stehen adäquate neue Informationsquellen oft (noch) nicht zur Verfügung. Die traditionellen Rollenverhältnisse in afrikanischen Gesellschaften tragen ein Übriges dazu bei, Unwissenheit und damit die bestehenden Verhältnisse fortzuschreiben.
Während städtische Eliten vielfach in der Lage sind, sich alle gewünschten Informationen zu verschaffen, gerät vor allem die Bevölkerung entlegener Regionen immer weiter ins Abseits. Dieses Problem fand Ausdruck auch im Verlauf der INDABA - viele Diskussionen bewegten sich auf einem inhaltlichen Niveau, das nur für den privilegierten Teil des Publikums nachvollziehbar war. Welcher Bibliothekar oder Lehrer in einer kleinen Gemeinde Afrikas kann ernsthaft über die Segnungen von Internet und Datenautobahn diskutieren, wenn am Ort seines Wirkens weder Bücher noch eine zuverlässige Elektrizitätsversorgung noch in vielen Fällen eine regelmäßige Ernährung garantiert sind?

Angesichts solcher Gegebenheiten müssen Initiativen, die sich entgegen aller Widrigkeiten für eine wirkliche Verbesserung der Bildungsmöglichkeiten einsetzen, umso stärker hervorgehoben werden. Eine realistisches und nachahmenswertes Projekt zur Informationsbeschaffung bietet z.B. in Zimbabwe eine von Eseln gezogene Wanderbibliothek, mit der auch entlegenste Gebiete erreichbar sind. Entsprechend dankbar und intensiv wird dieses relativ junge Angebot des Rural Libraries and Resources Development Programm (RLRDP) genutzt.
Eine weitere Initiative, die aufgrund ihrer Struktur reale Erfolge erzielt, ist die ZIBF, deren Verdienste um die Entwicklung einer funktionierenden Buchkultur nicht genug betont werden können. Die Buchmesse ist jeweils an den ersten beiden Tagen ausschließlich für Fachbesucher/innen geöffnet und erst ab dem dritten Tag für das allgemeine Publikum zugänglich. Dadurch ergeben sich optimale Bedingungen für konzentrierte, geschäftliche Verhandlungen, und es überrascht nicht, daß immer häufiger von bedeutenden Abschlüssen, Verträgen, Vereinbarungen usw. die Rede ist, die in Harare zustande kommen. Damit wird eine Voraussetzung erfüllt, die für die Akzeptanz zahlungskräftiger Aussteller/innen enorm wichtig ist: der finanzielle Aufwand für eine Teilnahme an der Buchmesse wird durch geschäftliche Erfolge gerechtfertigt.
Für Verleger wie François McHardy von der südafrikanischen Witwatersrand University Press stellt die ZIBF mittlerweile gar das wichtigste Ereignis auf seinem literarischen Kalender dar, und er dürfte mit dieser Einschätzung nicht alleine stehen. Wer in Afrika Bücher schreibt, herstellt, vertreibt und wer sich in Europa und anderswo auf der Welt für Bücher afrikanischer Provenienz interessiert, kann es sich nicht mehr leisten, die ZIBF zu versäumen.

Dies merken zunehmend auch die Verlage aus den Ländern des Nordens. Noch nie waren so viele Gemeinschaftsstände europäischer Verlegerverbände (teils in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Botschaften) zu sehen, noch nie waren derartig viele Korrespondenten bedeutender europäischer Zeitungen anwesend wie in diesem Jahr. Da die ZIBF 1997 unter dem Motto "Bibliotheken" stattfand, kamen überdies zahlreiche Delegationen wichtiger Bibliothekarsverbände nach Harare. Sie und die vielen Kolleg/inn/en aus afrikanischen Bibliotheken, die das Thema anzog, nutzten die Buchmesse natürlich auch für den Erwerb von Büchern und bescherten den Ausstellern auf der ZIBF auch beträchtliche Umsätze. Aus all diesen Gründen scheint mittelfristig sogar eine vollkommen eigenständige Finanzierung der ZIBF, die bisher mit finanzieller Unterstützung von diversen Organisationen durchgeführt wird, möglich.

Die beeindruckende Erfolgsstory der ZIBF birgt allerdings die Gefahr, die nach wie vor extrem schlechten Rahmenbedingungen für das Verlagswesen auf dem afrikanischen Kontinent zu übersehen. Vielfach ist das Überleben von Verlagen nur in Abhängigkeit von den jeweiligen Erziehungsministerien vorstellbar - Kaufkraft besteht (oft gezwungenermaßen) nur für jene Bücher, die die Schulbehörden für den Unterricht vorschreiben.
Daß auf dieser Grundlage kaum eine Chance für die Entwicklung unabhängiger und finanzkräftiger Verlage besteht, die auch kritische Bücher oder solche von unbekannten Autoren veröffentlichen könnten, steht außer Zweifel. In vielen afrikanischen Staaten herrschen außerdem Papierknappheit und -rationierung, entscheiden oft die Regierungen über Preis und Verteilung der Bücher. Neben staatlichen oder halbstaatlichen Verlagen, die im Einklang mit den verordneten Ideologien agieren, existieren somit allenfalls noch Ableger internationaler Verlagskonzerne (wie Macmillan, Heinemann oder Hachette), die - oft mit finanzieller Unterstützung durch die Regierungen ihrer europäischen Mutterländer - aufgrund ihrer Finanzkraft und ebenso im Einvernehmen mit den afrikanischen Behörden die Schulbuchmärkte dominieren.

Sehen also die Bedingungen im ökonomisch interessanten Schulbuchgeschäft schon sehr bedenklich aus, so sehen sich belletristische und wissenschaftliche Verlage mit noch massiveren Problemen konfrontiert. Romane, die in afrikanischen Verlagen erscheinen, finden aufgrund infrastruktureller Mängel kaum Verbreitung jenseits der Landesgrenzen. Wer einmal gehört hat, welche Zollformalitäten nötig sind, um die Teilauflage einer gemeinsam gedruckten Ausgabe von Guinea nach Togo zu exportieren, wird sehr rasch nachvollziehen können, warum solche eine Zusammenarbeit nach wie vor eher die Ausnahme ist.
Dazu kommen die äußerst anspruchsvollen Leser/innen in Europa, die bei Büchern eine exzellente Ausstattung voraussetzen, die unter afrikanischen Produktionsbedingungen in der Regel nicht realisierbar ist. Der Verkauf beschränkt sich also normalerweise auf den sehr kleinen Inlandsmarkt und an nennenswerte Honorare ist unter diesen Umständen nicht zu denken. Erfolgversprechende Autor/inn/en neigen aus solchen Gründen verständlicherweise dazu, sobald als möglich bei europäischen Verlagen zu veröffentlichen. Deren Buchpreise wiederum sind angesichts der Kaufkraft eine zuverlässige Garantie dafür, daß diese Bücher in den Heimatländern der Verfasser unerschwinglich bleiben, zumal zu den Buchpreisen noch erkleckliche Transportkosten addiert werden (ein importiertes Taschenbuch zu umgerechnet US$ 28, wie in einer Buchhandlung in Harare gesehen, schreckt nicht nur afrikanische Durchschnittsverdiener vom Kauf ab).
So wird die Entscheidung von Schriftsteller/inne/n, wo sie publizieren, sehr schnell zu einer politischen Entscheidung: Geld und Ruhm steht vielfach gegen den Kontakt zum einheimischen Publikum und die Notwendigkeit, weiterhin einen Brotberuf auszuüben.

In den letzten Jahren haben sich erfreulicherweise einige Verlage in den USA, England und afrikanischen Ländern dazu entschlossen, Bücher gemeinsam zu verlegen und den Verkauf auf die je eigenen Märkte zu beschränken. Diese nachahmenswerte Zusammenarbeit wurde in vielen Fällen in Harare begonnen und vertieft, und auch aus diesem Grund verdient die ZIBF weiterhin jede Unterstützung.
Eine weitere erfreuliche Initiative stellt das "African Books Collective" in Oxford dar, das sich die weltweite Verbreitung originär afrikanischer Literatur zum Ziel gesetzt hat. 50 Verlage aus 14 afrikanischen Ländern vertreiben als Mitglieder und Teilhaber dieser Auslieferung ihr Programm in Europa und den USA und ermöglichen so neuen Leserschichten den Zugang zu Büchern, die vorher kaum greifbar waren.
Und nicht zuletzt das wachsende Interesse deutschsprachiger Verlage an afrikanischen Büchern (etwa die Aktion "africanissimo") ist ein ermutigendes Anzeichen dafür, daß wir uns in den kommenden Jahren auf eine größere Zahl von Übersetzungen afrikanischer Autor/innen freuen dürfen.

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