Leseprobe INDABA 19/98

Ärzte, Drogen, Kommunisten. Ein Besuch bei Südafrikas Wahrheitskommission

Die Verantwortung der medizinischen Wissenschaft und der Ärzte gegenüber chemischer und biologischer Kriegsführung stand im Mittelpunkt der letzten großen Einvernahme der Wahrheitskomission. Gemeinsam mit den Teilnehmern der SADOCC-Studienreise nach Südafrika verfolgte auch Walter Sauer das Hearing über den Fall Wouter Basson.

Die Verantwortung der medizinischen Wissenschaft und der Ärzte gegenüber chemischer und biologischer Kriegsführung stand im Mittelpunkt der letzten großen Einvernahme der Wahrheitskomission. Gemeinsam mit den Teilnehmern der SADOCC-Studienreise nach Südafrika verfolgte auch Walter Sauer das Hearing über den Fall Wouter Basson.

"Ist das nicht Erzbischof Tutu, der da gerade hereingekommen ist?", zupft mich Isabel am Arm. Und tatsächlich: Leger in eine Strickjacke gekleidet und offensichtlich gut aufgelegt hat Erzbischof Desmond Tutu, der Vorsitzende der Truth and Reconciliation Commission, durch einen Seiteneingang eben den Verhandlungssaal betreten. Es handelt sich um das letzte öffentliche Hearing, das wir Teilnehmer/innen der von SADOCC organisierten Studienreise nach Südafrika besuchen. Ende Oktober wird die Kommission mit der Übergabe des Endberichts an Präsident Mandela ihre Tätigkeit beenden und damit eines der weltweit interessantesten und erfolgreichsten Modelle staatlicher Vergangenheitsbewältigung zu Ende führen.

Durch beinahe tägliche Radio- und Zeitungsberichte sowie wöchentliche TV-Magazine hatte praktisch die gesamte südafrikanische Bevölkerung die Möglichkeit, die Aufarbeitung der Menschenrechtsverbrechen der Apartheid-Ära im Detail mitzuverfolgen; das Buch "Skull of my Country", in dem die Radiojournalistin Antje Krog in einer sehr persönlichen Weise auch über die Schockiertheit der weißen Bevölkerung berichtet, ist zu einem politischen Bestseller dieser Tage geworden. Niemand kann heute mehr bestreiten, daß die Geheimpolizei nach Belieben folterte, Regimegegner brutal tut schlug, erschoß oder in die Luft sprengte; Leichen wurden Krokodilen zum Fraß vorgeworfen oder verbrannt, während die Mörder daneben Würstchen grillten und sich betranken.
Aber neben diesen individuellen Verbrechen ging es in der letzten Phase der Kommissionstätigkeit immer stärker auch um die moralische Mitverantwortung von Firmen, staatlichen Einrichtungen und akademischen Institutionen. Mit Erschütterung wurden schon die Aussagen bisher renommierter Chemiker und Ärzte aufgenommen, die in den Laboratorien der südafrikanischen Armee jahrelang nach Substanzen geforscht hatten, um Schwarze unfruchtbar oder kampfunfähig zu machen. Und dann das letzte große Hearing, am Sitz der Kommission in Kapstadt: der Fall Wouter Basson.

Es handelt sich um eines der dreitägigen perpetrator hearings, zu dem von der Kommission Täter vorgeladen werden, um über ihre Verantwortung zu berichten. Wouter Basson, ehemaliger Direktor des Forschungsprogramms zur Entwicklung chemischer und biologischer Waffen der südafrikanischen Armee und in Gerichtsverfahren wegen Drogenhandels verwickelt, verweigert zunächst sein Erscheinen. Dumisa Ntsebeza, gefürchteter Chief Investigator der Kommission, übergibt den Fall den Gerichten - es ist strafbar, einer Vorladung der Wahrheitskommission nicht Folge zu leisten (die einzige Weigerung bisher kam vom ehemaligen Staatspräsidenten Botha, und dieser wurde am 21. August gerichtlich schuldig gesprochen und zu einem Jahr Haft verurteilt). Erst am dritten Tag gibt Basson nach und stellt sich der Befragung durch Staatsanwalt Valli.

Erster Tag: Philip Mijburg, Schwiegersohn des früheren südafrikanischen Verteidigungsministers General Malan, Blitzkarriere bei den Medical Services - einer der fünf Waffengattungen der damaligen South African Army - und schließlich Managing Director einer Firma Delta G Scientific. Nein, Delta G sei kein Tarnunternehmen des Militärs gewesen, und daß im Aufsichtsrat nur Offiziere gesessen seien, sei eher Zufall. Ob man im Auftrag des Heeres Mandrax oder Ecstasy produziert habe? Möglich, aber er könne sich an Details nicht mehr erinnern. Ob man die Drogen zu Tabletten zerkleinert und dann millionenfach in den Townships der schwarzen Bevölkerung zur Verteilung gebracht habe? Leider, wiederum keine Erinnerung. Außerdem sei der Lagerraum für "die Stoffe" im Keller gewesen, und da hätten nur die Militärs Zugang gehabt...

Zweiter Tag: General Niel Knobel, pensionierter Kommandant der Medical Services. Ja, seit Anfang der achtziger Jahre hätten sie geheime Forschungen zur Herstellung biologischer Kampfstoffe durchgeführt. Ja, auch die Sterilisierungssubstanz für dunkelhäutige Frauen, und Giftspritzen für politische Gegner. Ja, Programmdirektor Wouter Basson habe die Grundsubstanz für die Drogen besorgt - aus Kroatien, transportiert über österreichisches Staatsgebiet und finanziert durch einen Schweizer Bankkredit. Am 6. November 1992 habe man die Zahlung erledigt, kurz darauf wurde das Programm ohnehin eingestellt. Er selbst sei ja immer dagegen gewesen, weil er die Tabletten für zuwenig wirksam gehalten habe. Wie, medizinische Ethik? Sicher, Mr. Valli, aus heutiger Sicht sehr zu bedauern, aber damals hätten US-amerikanische und britische Experten extra noch die wissenschaftliche Qualität des Programms gelobt. Und wie oft solle er noch sagen: diese Forschungsprogramme hätten vielleicht fünf Prozent der Gesamtaktivitäten der SAAMS ausgemacht, alle ihre übrigen Forschungen hätten der Gesundheit und dem Fortschritt der Zivilmedizin gedient...

Dritter Tag: endlich Wouter Basson. Er legt geheime Gesprächsprotokolle aus Regierungs- und Armeekreisen vor. Ja, Südafrika sei bei seinem chemisch-biologischen Waffenprogramm von westlichen Experten unterstützt worden. 1981 habe die Regierung von ihm den Aufbau einer Verteidigung gegen nicht-konventionelle Waffen verlangt, die angeblich von Russen, Kubanern und der DDR in die Region gebracht worden waren. Ungeachtet der damals geltenden Sanktionen gegen das Apartheid-Regime sei er dann nach San Antonio im US-Bundesstaat Texas gereist, um dort Experten aus den USA, der BRD, aus Japan, Kanada, Großbritannien und Taiwan zu treffen. Sie hätten ihm eine "unglaubliche Menge" an Informationen geliefert. Alle seien damals über den Fortschritt des Kommunismus extrem besorgt gewesen. 1982 habe er dann das Forschungsprogramm "Project Coast" gestartet, das nach dem Beitritt Südafrikas zur Chemiewaffenkonvention 1993 eingestellt wurde. Vorher seien alle relevanten Informationen auf Computerdisketten gespeichert worden, die sich heute im Safe des stellvertretenden Staatspräsidenten Mbeki befänden. Ob es Kopien davon gäbe, die eventuell in falsche Hände gelangen könnten? Keine Ahnung...

Erzbischof Tutu hat das Hearing mittlerweile verlassen. "Heute wissen wir, daß unter dem Deckmantel dieser Forschungen Teufel am Werk waren", hat er schon im Juni auf entsprechende Journalistenfragen gesagt. In der Öffentlichkeit hat das Basson-Hearing für neuen Diskussionsstoff gesorgt. Sind Ärzte wirklich zu allem fähig? Und gehört das Forschungspogramm für chemische und biologische Kampfstoffe tatsächlich der Vergangenheit an?

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URL: http://www.sadocc.at/indaba/leseproben/1998-18-drogkomm.shtml
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