7. September 2004

Theologe und Freiheitskämpfer Beyers Naudé verstorben

Der prominente reformierte Theologe und Anti-Apartheid-Kämpfer Dr. Christiaan Federick Beyers Naudé ist heute, am 7. September 2004, frühmorgens in seinem Haus in Johannesburg verstorben. Dem Wunsch seiner Frau Ilse zufolge war Naudé, der die letzten Monate in einem Pflegeheim verbracht hatte, erst vor einigen Tagen nach Hause gebracht worden, um seine letzten Tage im Kreis der Familie verbringen zu können.
Christiaan Federick Beyers Naudé wurde am 10. Mai 1915 als viertes Kind einer streng afrikaans eingestellten Familie in Roodepoort geboren; seine Vornamen erinnerten an einen militärischen Anführer der burischen Revolte gegen die britische Herrschaft in Südafrika, General Christiaan Federick Beyers. Der junge Mann, der wie sein Vater die Laufbahn eines reformierten Theologen einschlug und sein Studium 1939 abschloß, entwickelte sich politisch zu einem gemäßigten burischen Nationalisten und trat - wie praktisch alle Geistlichen der Niederländisch Reformierten Kirche - der rechtsextremen Nationalen Partei sowie der burischen Geheimorganisation Broederbond als Mitglied bei.
Erst die beginnenden 1960er Jahre führten zu einer Haltungsänderung. Am 21. März 1960 hatten südafrikanische Sicherheitskräfte eine friedliche Demonstration gegen die Paßgesetze in Sharpeville in ein Bludbad verwandelt. Während das Ausland zum Teil schockiert reagierte, verhängte die südafrikanische Regierung den Ausnahmezustand und verbot alle oppositionellen Organisationen, im besonderen den African National Congress (ANC), der unter Führung Nelson Mandelas den Kampf um volle Bürgerrechte nun vom Untergrund aus führte. Unterschiedliche Einschätzungen dieser Ereignisse zwischen europäischen und südafrikanischen Kirchen sowie innerhalb Südafrikas zwischen Anglikanern und Reformierten führten im Dezember 1960 zur theologischen Konsultation von Cottesloe, einem Stadtteil von Johannesburg. Beyers Naudé wurde von der Transvaaler Synode seiner Kirche zu einem ihrer Vertreter nominiert. Die dort gemachten Erfahrungen sollten sein weiters Leben wesentlich verändern.
Mitte der 1960er Jahre hatte sich Naudé, mittlerweile Generalmoderator für Transvaal der Niederländisch-Reformierten Kirche Südafrikas (der ideologischen Hauptstütze der Rassendiskriminierung) bereits von der theologischen Befürwortung der Apartheid abgewendet. Nachdem sein Versuch, die kirchlichen Gremien zu einer politischen Haltungsänderung zu bewegen, gescheitert war, gründeten er und Gleichgesinnte im Juni 1963 das Christliche Institut für das Südliche Afrika. Dieses sollte auf ökumenischer Basis einen Dialog mit Repräsentanten der schwarzen Mehrheitsbevölkerung des Landes führen. Beginnender Kritik an diesen Aktivitäten begegnete Beyers Naudé mit dem Rücktritt von seiner kirchlichen Funktion.
In den darauffolgenden Jahren entwickelte sich das Christliche Institut immer stärker zu einer Plattform für regimekritische Forderungen nach Gleichberechtigung. Zahlreiche später im Befreiungskampf prominent gewordene Persönlichkeiten - wie Steve Biko oder Horst Kleinschmidt - machten ihre ersten politischen Erfahrungen im Christlichen Institut, das vor allem unter der weißen Bevölkerungsminderheit Südafrikas wertvolle Bewußtseinsarbeit leistete.
Folgerichtig setzte die Regierung in Pretoria dem Wirken des Instituts und seines Gründers bald ein Ende. Im Zuge der politischen Reaktion auf den Schüleraufstand von Soweto wurde das Institut gemeinsam mit zahlreichen anderen apartheidkritischen Organisationen 1977 verboten, Beyers Naudé selbst wurde für sieben Jahre “gebannt”.
Trotz Hausarrest entwickelte sich Beyers Naudé zu einem der führenden weißen Anti-Apartheid-Kämpfer, dessen Ansehen über Südafrika und den kirchlichen Bereich weit hinausging. Als eine von vielen Ehrungen wurde ihm 1979 auch der österreichische Dr. Bruno Kreisky-Preis für Menschenrechte verliehen.
Nach Beendigung des “Banns” wurde der prominente Geistliche 1982 zum Generalsekretär des Südafrikanischen Kirchenrates gewählt. In dieser Funktion spielte Beyers Naudé – gemeinsam mit dem anglikanischen Erzbischof Desmond Tutu und dem reformierten Geistlichen Allan Boesak - eine für die Entwicklung des demokratischen Widerstands in Südafrika entscheidende Rolle. In Würdigung seines kompromißlosen Eintretens für Gleichberechtigung und Menschenrechte wurde Naudé 1990 von Nelson Mandela in das erste Verhandlungskomitee des African National Congress mit der Apartheidregierung berufen. Gemeinsam mit seinem langjährigen Mitarbeiter Wolfram Kistner gründete er 1992 das Ecumenical Advice Bureau, welches sich der Förderung bisher benachteiliger schwarzer Studenten widmete.
Naudé, in den letzten Jahren aus Gesundheitsgründen kaum mehr öffentlich aktiv, wurde im demokratischen Südafrika mit zahlreichen Ehrungen bedacht. Ende 2001 beschloß die Stadtverwaltung von Johannesburg die Umbenennung eines der Hauptverkehrswege der Stadt, der an den ideologischen „Architekten der Apartheid“ Malan erinnerte, in “Beyers Naudé Drive”.
Kurz nach Bekanntwerden seines Todes würdigten Vertreter aller südafrikanischen Parlamentsparteien heute Vormittag den großen Theologen und Freiheitskämpfer. Das Begräbnis findet am 18. September statt.
Das Dokumentations- und Kooperationszentrum Südliches Afrika (früher Anti-Apartheid-Bewegung in Österreich) verliert mit Beyers Naudé einen beeindruckenden Gesprächspartner und langjährigen Freund. (SADOCC)

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URL: http://www.sadocc.at/news/2004-271.shtml
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