2. April 2015

Frühester Hominidenfund auf 3,7 Mio Jahre datiert

Offensichtlich war "Little Foot" durch ein Loch im Dach der Sterkfontein-Höhle in der Nähe von Johannesburg in Südafrika gestürzt und konnte sich nicht mehr befreien. Erst in den 1990er Jahren wurden die Überreste des Verunglückten geborgen und sind seither eine wissenschaftliche Sensation: Schließlich gehörte Little Foot zu den Australopithecus-Vormenschen, die als unmittelbare Vorfahren der Gattung Homo gelten, zu der alle heutigen Menschen, die Neandertaler und eine Reihe weiterer Frühmenschen-Linien gehören.

"So vollständige Skelette aus unserer Ahnengalerie wie das von Little Foot aber sind extrem selten", sagt Frühmenschenforscher Ottmar Kullmer vom Senckenberg-Forschungsinstitut in Frankfurt am Main. Leider wussten die Wissenschafter bisher nicht so recht, an welche Stelle in der Zeittafel unserer Ahnen sie Little Foot stellen sollten. Jetzt geben Darryl Granger von der Purdue-Universität in West Lafayette im US-Bundesstaat Indiana und seine Kollegen in der Zeitschrift "Nature" die Antwort: Das Unglück passierte vor 3,67 Millionen Jahren.

Damit beenden die Forscher das lange Rätselraten, das mit der überraschenden Entdeckung von Little Foot begonnen hatte. Die Höhle mit den Überresten des Vormenschen hatte einige Jahrzehnte als Steinbruch erlebt. Immer wieder tauchten bei dieser Arbeit Versteinerungen auf, die nach rascher Durchsicht in Kartons verpackt im Archiv eines Museums verschwanden. Eine dieser Schachteln inspizierte Ron Clarke von der Universität von Witwatersrand in Südafrika am 6. September 1994 genauer. Und staunte nicht schlecht, als er darin auch vier Knochen eines Vormenschen-Fußes entdeckte.

Solche Fußknochen aus der Menschheitsgeschichte finden Forscher extrem selten. Noch dazu war dieser Fuß etwas ganz Besonderes: Ähnelte er doch durchaus den Füßen, auf denen die Menschen des 21. Jahrhunderts durch Wald und Wiesen laufen. Genau wie ein Schimpanse aber konnte Little Foot seinen großen Zeh zur Seite spreizen und damit beim Klettern durch die Baumwipfel Äste umklammern. Offensichtlich gehörte der Fuß also zu einem Wesen, das in den Bäumen und am Boden gleichermaßen lebte und damit zwischen den heutigen Schimpansen und den modernen Menschen stand. Bis 1997 fand Ron Clarke in den Museumskartons aus dem Steinbruch noch acht weitere Knochen, vermutlich von den Händen und Füßen des gleichen Individuums. Ein Stück eines Schienbeinknochens war offenbar bei den Arbeiten im Steinbruch abgebrochen - sollte vielleicht noch ein Teil des inzwischen aufgrund seiner kleinen Füße "Little Foot" getauften Skeletts im Gestein der Höhle stecken? Tatsächlich fanden die Forscher dort im betonharten Gestein das Gegenstück zu diesem Schienbeinfragment. Innerhalb von mehr als einem Jahrzehnt präparierten sie dann viele weitere Knochen vom offensichtlich mit dem Gesicht nach unten liegenden Little Foot aus dem Fels.

Der Sensationsfund aber hatte einen Haken: "Seine Datierung war äußerst heikel", erklärt Senckenberg-Forscher Ottmar Kullmer. Handelt es sich bei Sterkfontein doch um einen Komplex von Karsthöhlen, die sich ähnlich wie der vergleichbare Untergrund der Schwäbischen Alb laufend verändern. So löst sich der Kalk im Grundwasser, Höhlen bilden sich, deren Decken einbrechen können und so einen Zugang zur Erdoberfläche öffnen. Tiere und Vormenschen können durch dieses Loch stürzen, Steine, Holz und andere Pflanzenreste von außen eingetragen werden. In einer solchen Mischung verschiedener Substanzen lässt sich das Alter der Fossilien nur sehr schwer bestimmen.

Vormenschen auf Wanderschaft Darryl Granger von der Purdue-Universität brachte mit Hilfe der kosmischen Strahlung Ordnung in das Chaos. Diese Strahlen erzeugen an der Oberfläche von Silikat-Gestein die beiden radioaktiven Isotope Aluminium-26 und Beryllium-10, die untereinander ein bestimmtes Verhältnis haben. Fällt dieses Gestein in eine Höhle, in der die kosmische Strahlung abgeschirmt ist, verändert sich dieses Verhältnis langsam, weil Aluminium-26 ungefähr doppelt so schnell wie Beryllium-10 zerfällt. Bestimmen Darryl Granger und seine Kollegen dieses neue Verhältnis, können sie so ausrechnen, wie lange das Gestein schon unter der Oberfläche liegt. Für die nähere Umgebung der Little-Foot-Fossilien waren das 3,67 Millionen Jahre.

Das aber entspricht recht genau dem Alter der Fußspuren, die drei andere Australopithecus-Vormenschen tausende Kilometer entfernt im Norden von Tansania in frischer Vulkan-Asche hinterlassen hatten. In diese Abdrücke passen recht gut die Füße von Little Foot, wie Ron Clarke bereits gegen Ende der 1990er Jahre zeigte. Offenbar hatte Australopithecus in dieser Zeit also bereits weite Teile Afrikas erobert und so auch seine Qualitäten als Wanderer demonstriert.

Weitere Infos: http://www.sciencedaily.com/releases/2015/04/150401133228.htm (Wiener Zeitung, Wien)

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URL: http://www.sadocc.at/news/2015/2015-024.shtml
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